Mit dem Airtaxi raus aus den Staus der Metropolen

Raus aus dem Stau, ab in die Luft und die Blechschlange im Flug einfach unter sich lassen – welcher Automobilist hat diesen Traum beim nutzlosen und nervigen Stillstand auf den überlasteten Autobahnen nicht schon mindestens einmal geträumt? Mit einem Airtaxi oder Gyrocopter ist dies möglich.

Schon lange bevor der Stau zum ständigen Begleiter der Automobilität wurde, geisterte diese Vorstellung durch die Köpfe kreativer Zeitgenossen, die allerdings zumeist belächelt wurden. Und das zurecht, denn die abenteuerlichen Konstruktionen waren stets zu sperrig, unsicher und viel zu weit von der Praxis entfernt als das eine Serienproduktion gestartet werden konnte. Am Ende freundeten sich weder die Piloten noch die irdischen Chauffeure mit der Technik an und die Konstruktionen mutierten zu Fußnoten im Kuriositätenkabinett der Technikgeschichte.
Doch nun könnte sich die Freiheit, die über den Wolken ja angeblich so grenzenlos ist – wenn man mal die Jungs von der Flugsicherung mit ihren Anweisungen vergisst – tatsächlich einstellen. In den Niederlanden steht die Kombination aus Fliegen und Fahren kurz vor der endgültigen Zertifizierung durch die Luftfahrtbehörden und wird im kommenden Jahr an die ersten „Autopiloten“ – der Begriff bekommt dann eine ganz neue Bedeutung – ausgeliefert.

Die Zukunft einer Kombination aus bodenständiger und luftiger Mobilität wird in Raamsdonksveer, einem eher unscheinbaren Ort in der Nähe von Breda montiert. Hier entsteht das Airtaxi PAL-V Liberty, eine zweisitzige Mischung aus Helicopter und Taxi, welche den Antrieb für den Flugbetrieb so geschickt zusammenfaltet, dass die Konstruktion problemlos in jede Garage passt, und nicht mehr Platz in Anspruch nimmt als ein Golf. Damit hat sich das Thema Golf aber auch schon erledigt, denn bei voller Besetzung passen die Golfbags angesichts des überschaubaren Gepäckabteils nicht mehr an Bord. Allerdings haben die Macher hinter dem Liberty ohnehin andere Transportaufgaben für den Gyrocopter vorgesehen. „Wir sehen den Liberty als Modell für eine Mobilität von Tür zu Tür“, erklärt Chief Operating Officer Marco van den Bosch. „Wenn man fliegt, muss man sein Auto zunächst am Flughafen abstellen, und wenn man schließlich gelandet ist, erst mit einem Taxi zu seinem Ziel fahren. Das kostet alles viel Zeit. Mit dem Liberty fährt man von zu Hause aus los, startet auf einem Flugfeld, landet und fährt weiter zu seinem Termin.“ PAL-V steht, so van den Bosch, für „Personal Air Land Vehicle“.

Problemlos und
bequem den
Stau umfliegen

Freilich ganz grenzenlos ist die Freiheit auch für den PAL-V Liberty dann doch nicht. Starten und Landen ist ausschließlich auf registrierten Pisten erlaubt. Dennoch kann der Liberty-Pilot den Stau umfliegen, denn das Navigationssystem kennt neben den aktuellen Staumeldungen auch den Weg zum nächstgelegenen Flugfeld. Dort angekommen, dauert es rund vier Minuten, bis sich das Automobil in einen Gyrocopter verwandelt hat. „Natürlich muss der Pilot noch vor dem Start alle Teile inspizieren, und dann kann der Flug beginnen“, erklärt van den Bosch.
In der Vergangenheit scheiterten die meisten Versuche, Flugzeug und Automobil zu einem Gefährt zu verschmelzen auch an den Abmessungen, weil sich die Konstrukteure zu sehr auf Tragflächen-Konstruktionen konzentrierten, die entsprechend lange Start- und Landebahnen benötigten. Das bedeutete: wenige alltagstaugliche Abmessungen, sodass die Garagen am Ende die Abmessungen von Flugzeughangars annahmen.
Derartige Fluggeräte fuhren und flogen daher allenfalls in Spielfilmen auf den Leinwänden. Mit PAL-V Liberty kann man sich sogar in Parkhäuser wagen. So eignet sich das Gefährt auch zum Shopping-Ausflug in die City, wobei sich das eingeschränkte Gepäckvolumen durchaus positiv auf die Kreditkartenabrechnung auswirkt.
Die Kreativen hinter PAL-V verzichteten bewusst auf Tragflächen und entwickelten einen dreirädrigen Gyrocopter. Diese Entwicklung, so van den Bosch, selbst ehemaliger Hubschrauberpilot der niederländischen Luftwaffe, „ist die sicherste Art zu fliegen. Selbst wenn beide Motoren ausfallen, dient der Rotor als eine Art Fallschirm, sodass man immer noch sicher landen kann.“ Für den Vortrieb sind zwei Rotax-Motoren an Bord. Zum Landen reichen 30 Meter. Außerdem kann ein Gyrocopter in der Luft nicht instabil werden. „Und die Unterhaltskosten sind wesentlich geringer als bei einem Hubschrauber, und ein Gyrocopter lässt sich deutlich einfacher fliegen“, erklärt van den Bosch die Vorteile der Konstruktion.

Auf der Straße
fast so schnell
wie in der Luft

Ein Dreirad, vor allem wenn es einen so hohen Schwerpunkt besitzt wie das Airtaxi PAL-V Liberty, hat durchaus Probleme mit der Fahrstabilität. Um zu vermeiden, dass sich die feinen Gefährte auf dem Weg zum Startplatz ganz banal in der Kurve auf die Seite legen, bekam das Gefährt eine Neigungstechnik, die genau dies in engen Kurven verhindern soll. Auf der Straße erreicht das Leichtgewicht (650 Kilogramm) maximal 160 km/h und beschleunigt in weniger als neun Sekunden von Null auf 100 km/h. In der Luft werden bis zu 180 km/h erreicht, wobei die wirtschaftlichste Geschwindigkeit allerdings bei 140 km/h liegt.
Zum Starten benötigt der Liberty eine 180 Meter lange Startbahn, und die Reichweite liegt je nach Besatzung und Gewicht bei 400 bis 500 Kilometer. Der Liberty ist ausschließlich für Sichtflug zugelassen. Bei Dunkelheit wird der Flieger daher zum Fahrzeug. Das Design wurde von der Mannschaft in Ramsdonksveer entwickelt und von einem italienischen Designbüro verfeinert.

Ein Traum: Zukünftig
von großen Rastplätzen
einfach abheben

Beim Blick in die Zukunft träumt van den Bosch von Start- und Landebahnen neben der Autobahn, am besten neben großen Rastplätzen. „Wir reden darüber bereits mit unserer Regierung.“ Und bei einem noch viel weiteren Blick in die Zukunft kann sich der ehemalige Hubschrauberpilot sogar einen Elektroantrieb vorstellen, „wenn sich die Batterietechnik entsprechend weiterentwickelt.“
Für das Airtaxi Liberty benötigen die „Autopiloten“ eine private Pilotenlizenz (PPL), die auch bei PAL-V in einem Schnelllehrgang erworben werden kann. Im sogenannten PPL-Bootcamp können die künftigen Piloten in der PAL-V Flight Academy innerhalb von vier Wochen den Schein erwerben. Aktuell stehen die vier Standorte in Breda, Marbella, Florida und auf der niederländischen Karibikinsel St. Eustace zur Verfügung. Insgesamt kostet die Lizenz 20.000 Euro. Die ersten Modelle, der auf 90 Exemplare begrenzten und üppig ausgestatteten Auftaktserie, kosten 499.000 Euro. Bei den später gebauten Modellen beginnt die Preisliste bei 299.000 Euro. Viel Geld. Ist aber auf jeden Fall weniger, als für einen Supersportwagen fällig wird. Und der kann gegen einen Stau ja auch nichts ausrichten.