Luxus

Klassen-Primus mit Stern

Kein anderer Plug-in-Hybrid als die neue C-Klasse schafft in der Mittelklasse eine elektrische Reichweite von 100 Kilometern. Dieser Mercedes ist fast ein E-Auto und lässt vergessen, dass da vorn unter der Haube noch ein Verbrenner sitzt.

Technische Fortschritte von einer zur nächsten Autogeneration gehören in der Branche zur Normalität. Wäre auch seltsam, wenn es anders wäre. Schließlich liegt meist ein Zeitraum von sieben Jahren dazwischen. Doch wie modern sich jetzt die neue Mercedes C-Klasse (intern W 206) präsentiert, markiert schon einen gewaltigen Entwicklungssprung. Revolution unterm Blech. Die seit vielen Jahren sehr erfolgreiche Baureihe dürfte in nahezu allen Disziplinen Maßstäbe setzen. Es ist nicht vermessen, sie als „kleine S-Klasse“ zu bezeichnen.

Eher evolutionär weiterentwickelt wurde das Design. Es wirkt glatter und reduzierter. Passanten würden vermutlich dennoch nicht registrieren, dass an ihnen gerade die neue C-Klasse vorbeigefahren ist. Kleine Nachhilfe: An der Flanke fehlt der Bogen in den Türen, die sogenannte „Dropping-Line“. Und am Heck zieren den W 206 erstmals geteilte Rückleuchten, die in den Kofferraumdeckel reichen.

Hochwertig und absolut luxuriös

Der große Wow-Effekt kommt, sobald man hinter dem Lenkrad Platz genommen hat. Hochwertige Materialien, luxuriöses Ambiente und ein Gefühl wie in der S-Klasse, woran in erster Linie der ähnlich große Zentralbildschirm schuld ist. Darstellungen und Auflösung sind brillant, die Menüführung ist klar und intuitiv, nie war es einfacher, mit neuer Technik so schnell zurecht zu kommen. Mit der S-Klasse teilt sich die C-Klasse auch das lernfähige MBUX-Bediensystem (2. Generation). Fast alles lässt sich über Sprache steuern. Stereotypische Befehle sind nicht nötig. Man startet die Unterhaltung lediglich mit „Hey Mercedes“ und äußerst seine Wünsche. Klappt hervorragend. Meistens.

So konsequent die C-Klasse in der Bedienung und im Cockpit digitalisiert wurde, so zielgerichtet setzten die Ingenieure auf die Elektrifizierung der Antriebe. Es gibt keinen konventionellen Benziner und Diesel mehr. Vierzylinder und Sechszylinder wurden ausgemustert. Die Neuen sind in allen Leistungsstufen 48-Volt-Mildhybride der neuesten Generation. Im Unterschied zur Konkurrenz verwendet Mercedes einen sogenannten integrierten Startergenerator (ISG) und keinen riemengetriebenen (RSG) und kann so den Motor fast unmerklich starten, zum Beispiel nach dem „Segeln“. Zudem erhält der Leerlauf eine unvergleichliche Laufruhe. Der ISG besitzt eine Boost-Leistung von 15 kW (20 PS) und stärkt mit 200 Newtonmeter Drehmoment die Souveränität deutlich.

Mercedes C-Klasse Plug-in-Hybrid
Mercedes C-Klasse Plug-in-Hybrid

100 Kilometer Reichweite sind Bestwert

Fast in Vergessenheit gerät der Verbrennungsmotor jedoch, sobald man in die Plug-in-Hybrid-Variante steigt. Auch hier gibt es im Vergleich zum Vorgänger einen Riesensprung. Im Heck sitzt jetzt eine Batterie mit einer Kapazität von 25,3 kWh, fast doppelt so viel wie zuvor. Klar, dass diese Maßnahme eine entsprechend große Reichweite bringt. Nach Aussage von Mercedes sollen es knapp über 100 Kilometer sein, ein Bestwert im gesamten Segment. Der Grund, warum Mercedes sich für diese Lösung entschied, ist folgender: „Wir wollen, dass die Kunden den Plug-in-Hybrid im Alltag so oft wie möglich elektrisch fahren“, sagt Christian Früh. Der Chefingenieur der C-Klasse trifft damit genau ins Schwarze. Die große elektrische Reichweite machen den C 300 e gefühlt zum reinen Elektroauto.

Das Antriebspaket umfasst einen Zweiliter-Vierzylinder mit 150 kW (204 PS) und eine E-Maschine mit 95 kW (130 PS). Im Verbund leisten beide 230 kW (312 PS) und erreichen ein maximales Drehmoment von 550 Newtonmeter. Dass diese Werte für beste Souveränität und eine sportliche Fahrdynamik sorgen, ist ein Naturgesetz. Doch selbst, wenn nur im E-Modus gefahren wird, hat man nicht das Gefühl, dem C 300 e mangele es irgendwie an Leistung. Im Gegenteil, 440 Newtonmeter sind ein gutes Pfund. Man schwimmt wunderbar im Verkehr mit und freut sich, dies ohne Emissionen machen zu können. Ein wirklicher Fahrgenuss.

Zumal die Entwickler nicht nur Motor, E-Maschine und Getriebe perfekt aufeinander abgestimmt, sondern auch dem Fahrwerk viel Beachtung geschenkt haben. Auf der Agenda standen höchster Komfort, bei gleichzeitig guter Agilität. Beides merkt man bereits auf den ersten Kilometern. Die neue C-Klasse lässt sich unglaublich handlich bewegen, von draußen dringen so gut wie keine Geräusche in den Innenraum, das Federungsverhalten ist exzellent. Erstmals gibt es sogar eine Hinterachslenkung, die zum einen die Handlichkeit verbessert und fürs Rangieren den Wendekreis um fast einen halben Meter reduziert. In engen Parkhäusern ist das eine Wohltat.

Ein Plug-in-Hybrid für Gleichstrom ausgelegt

Seinen Premium-Anstrich bekommt der Teilzeitstromer auch bei der Ladetechnik. Gewöhnlich sind Plug-in-Hybride nicht mit Gleichstrom zu laden. Mercedes spendierte dem C 300 e einen 55-kW-DC-Lader. Die Batterie kann so an einer Schnellladesäule in rund 30 Minuten wieder vollständig aufgeladen werden und dürfte dazu animieren, noch mehr elektrisch unterwegs zu sein.

Zum Stromern gehört natürlich die Rekuperation. Mercedes wäre nicht Mercedes, wenn man sich nicht auch hier etwas mehr hat einfallen lassen als die Konkurrenz. Über die Wippen hinter dem Lenkrad kann die Verzögerungsleistung der E-Maschine beeinflusst werden und die C-Klasse bremst entsprechend stärker oder schwächer ab, sobald der Fuß vom Fahrpedal geht. Drei Stufen sind wählbar. In der Stellung D- (One-Pedal-Driving) war die Verzögerung bei uns so stark, dass wir die hydraulische Fußbremse so gut wie nie benutzen mussten, höchstens für eine abrupte Notbremsung. Die entspannenste Lösung bot aber zweifelsfrei die automatische Rekuperation. Mercedes nennt es „streckbasierte Betriebsstrategie“. Hier arbeiten Navigation und Kamera zusammen, kennen somit die Strecke, die Topografie, die Tempolimits und die aktuellen Verkehrsverhältnisse. Ist die Landstraße frei, „segelt“ die C-Klasse beispielsweise, rekuperiert also nicht. In der Stadt passt sich die Rekuperation dem Verkehrsgeschehen selbstständig an, verzögert mal mehr, mal weniger. Der Fahrer muss sich um nichts kümmern. Genauso soll es sein.

Mehr elektrische Reichweite, mehr Fahrkomfort, mehr Souveränität, mehr Konnektivität, mehr Sicherheit. Gegenüber der Vorgängerversion hat Mercedes bei der neuen C-Klasse eine große Schippe draufgelegt. Viel besser kann man solch ein Auto nicht bauen – und als Kunde in diesem Segment nicht kaufen. Erst recht nicht, wenn man das T-Modell, also den Kombi wählt. Das machen in Deutschland rund 70 % der C-Klasse-Kunden. Im September wird der C 300 e in den Markt gehen. Preise nennt Mercedes noch keine. Sie dürften aber leicht über jenen der Vorgänger-Baureihe liegen und somit bei rund 50.000 Euro starten.