Sicherheitsbeauftragte

"Schluss mit Trödeln"

Eine Kolumne von Thomas Ranft

Es liegen zermürbende Wochen und Monate des Wartens hinter uns, die Pandemie und der Umgang mit ihr hat uns zu Recht dünnhäutig werden lassen. Wann werden endlich Entscheidungen getroffen? Warum werden Maßnahmen nicht schneller umgesetzt? Warum werden Einschränkungen nicht schneller aufgehoben? Warum dauerte die Impf-Hochlaufphase so lange?

Warten nervt, insbesondere, wenn wir das Gefühl nicht loswerden, dass bei den Entscheidern getrödelt wird. Was übrigens auch auf die Lebenswelten zutrifft, mit denen wir uns hier bei arrive beschäftigen.

Haben Sie ein neues Auto bestellt und warten und warten und warten? Teilweise 12 Monate und mehr, da kommen einem auch beim schönsten E-Auto die Tränen. Man wähnt sich zurück in der DDR: Aufgrund von Lieferengpässen und Produktionseinschränkungen dauerte es verdammt lange, bis der neue Trabi vor der eigenen Haustür stand. Die heutige Mangelware ist aber nicht mehr Stahl oder Ähnliches, sondern es sind Halbleiter. Was sind das eigentlich, diese Halbleiter? Ganz vereinfacht gesagt: Wenn Sie ein Haus bauen wollen, ist das kleinste und wesentlichste Bauteil der Ziegelstein, wenn Sie ein elektronisches Gerät bauen wollen, egal ob Kaffeemaschine, Laptop oder Steuergerät fürs Auto, ist es der Halbleiter.

Und diese Ziegelsteine der Elektronik sind knapp. Warum eigentlich? Ich mutmaße mal: Unternehmensentscheider handeln auch nicht wesentlich anders als Politiker und fahren deswegen meistens auf Sicht, können sich deswegen auch nicht immer vorstellen, dass eine Disruption doch so schnell vonstattengeht.

Und wenn man zu wenig vorbestellt hat und gleichzeitig weltweit durch Homeoffice und Homeschooling auch andernorts eine Menge Halbleiter benötigt werden, sitzt man halt auf dem Trockenen. Und so geht es praktisch der ganzen Branche. Der Vorteil des Halbleitermangels ist, dass es deswegen nicht so auffällt, dass die Produktionsplanungen für E-Autos deutlich zu konservativ waren und so mancher Hersteller bei der Transformation doch hinterherhinkt. So mancher trödelt aber auch ganz bewusst: Denn wenn Händler den Hof voller neuer Verbrenner stehen haben, sind sie auch ganz froh, dass der schöne E-Flitzer eine lange Wartezeit hat, dann wird man noch schnell die Karren mit dem alten Antrieb los.

Trödeln ist aber nicht nur bei Corona oder in der Autoproduktion ein Thema. Ich behaupte, es ist ein Problem unserer Gesellschaft. An manchen Stellen bekommt man das Gefühl, wir regulieren uns zu Tode. Nicht nur in der Politik, auch in vielen Unternehmen und Organisationen wird versucht, erst jede mögliche Problematik zu detektieren und regulatorisch einzufangen, bevor man überhaupt mit der Sache anfängt.

Das ist aller Ehren wert, aber nicht selten doch deutlich überzogen. Wenn der Sicherheitsbeauftragte eines Unternehmens die Begehung eine Fläche wegen Glätte untersagt, und direkt nach dieser Entscheidung über eine Straße läuft, die genauso glatt ist und seinen Kindern danach sagt: „Spielt draußen, aber passt auf, es ist glatt“, zeigt es doch, woran die Republik krankt: Es wird immer häufiger nicht mehr mit Augenmaß entschieden. Verantwortung wird nicht übernommen sondern auf Nutzer abgewälzt oder nach oben weitergegeben, und deswegen kommen wir nicht voran.  Das ist aus meiner Sicht auch Trödeln.

Und wenn wir im Energiesektor sehen, wie da getrödelt wird: Wie regulatorisch so viele Steine in den Weg geworfen werden, dass die letzte Windanlagenausschreibung deutlich unterzeichnet war, dass auf Reihenhäusern wegen Abstandsregeln Solaranlagen fast unmöglich werden, dann fragt man sich gemeinsam mit dem Bundesverfassungsgericht: Wie soll das gehen? Deswegen gab es ja auch die wegweisende Entscheidung des Gerichts, das eine Nachbesserung des Klimaschutzgesetzes einfordert.

Denn wenn wir so weitertrödeln, ist unser CO2-Kontingent, das uns laut Pariser Klimaabkommen zur Verfügung steht, 2030 weitgehend aufgebraucht. Und weil diese CO2-Menge aber völkerrechtlich bindend ist, wären Politik, Gesetzgeber und Gerichte gezwungen, ab diesem Zeitpunkt CO2-Emissionen komplett zu unterbinden. Kein Heizen mehr mit Öl oder Gas, keine Kohle, und auch keine Mobilität mit Benzin, Diesel, Gas, Kerosin oder was auch immer.

Das wäre ein extremer Eingriff in die Freiheit der Bürger ab 2030, und das ist laut Bundesverfassungsgericht nicht akzeptabel. Und so sind wir jetzt alle gefordert: Die Transformation weg von CO2 in eine nachhaltigere Zukunft darf keinen Tag mehr aufgeschoben werden. Ein „Weiter so“ gibt es nicht mehr und Trödeln ist vom obersten deutschen Gericht untersagt worden.

Hilft uns das allen, jedem Einzelnen, jedem Unternehmen und der Gesellschaft bei all den Entscheidungen, die wir ab sofort treffen?

Ich hoffe schon.

Und wie sehen Sie das?

Sehen Sie das auch so?

 

Schreiben Sie mir gerne.

Wie immer unter

leserbrief@arrive-magazin.com

Sonnige Grüße

Ihr

Thomas Ranft